Hineingenommen in die Bergwelt des Fagarasch

Kargow in Mecklenburg-Vorpommern, 14.8.2011
Unsere Tour mit Julian Cozma begann als zweiter Teil unseres Rumänien-Urlaubs am 1. August 2011 in Sibiu mit einer Übernachtung im Hotel Casa Luxembourg. Nach einer Reihe eher einfacher Übernachtungen erfreuten wir uns an Atmosphäre, Ausstattung und Großzügigkeit des nach historischem Vorbild restaurierten Gebäudes.
Was aber würden die nächsten Tage bringen? Wir hatten uns zwar hin und wieder schon in die Berge gewagt, aber bisher noch nicht zu einer mehrtägigen Tour mit einem Bergführer! Zu Hause wurde wir schon etwas erstaunt angeschaut: Ihr nehmt euch zu zweit einen Bergführer? Wie viel bezahlt ihr? In Rumänien kann man doch auch gut selbständig unterwegs sein!

Eigentlich hatten wir gehofft, uns einer Gruppe anschließen zu können. Da es keine weiteren Anmeldungen gegeben hatte, bot Julian die Tour nur für uns zwei an und hatte sie nach unseren Vorstellungen angepasst: Es war nicht unser Ehrgeiz, alle hohen Gipfel mit zu nehmen, stattdessen sollte Zeit zum Botanisieren und Erleben der Landschaft bleiben. Was uns auch lockte: Für das Essen würde ebenso gesorgt sein wie für ein Bett am Ende des Wandertages. Mit 50 und 48 wollten wir nicht mehr alles auf dem Rücken tragen.

Die fünf Tage über der Baumgrenze wurden dann zu einem echten Highlight unseres Rumänien-Urlaubes. Spannende Tierbeobachtungen gleich im Aufstieg: Nach Hinweisen der Schäfer ließ Julian nicht locker, bis er den Bären in sicherer Entfernung am Gegenhang des Tales ausgemacht hatte. Sogar ein Fernglas war in der Schäferei griffbereit. Ursus arctos in freier Wildbahn zu sehen, da muss man schon erhebliches Glück haben! Kurz darauf lernten wir, dass die Angstpfiffe der Murmeltiere durchaus auch einem Steinadler gelten können. Ohne Guide hätten wir den Vogel sicher nicht bemerkt.

Julian ist auf den Hütten und in den Schäfereien des Fagarasch praktisch zu Hause. Jede Übernachtung in einer Cabana bietet zahlreiche Stunden, neue und alte Geschichten der Berge auszutauschen, jede Begegnung mit den Hütern einer Herde und ihren Hunden ist begleitet von einem kurzen Informationsaustausch. Julian verdanken wir es, in das Leben der Menschen in den Bergen einen Einblick bekommen zu haben, in die Härten und Freuden dieses Lebens und in die bemerkenswerten und kuriosen Begebenheiten. Wir waren beeindruckt von seiner Detailkenntnis, z.B. welcher Schäferhund in welches Tal gehört, und seinem Verantwortungsbewusstsein, z.B. für die Sicherheit und Funktion der Schutzhütten des Gebirges. Julian gelang es, uns für fünf Tage in das Leben auf den Bergen zu integrieren, das machte das Besondere der Tour aus. Wichtig war auch die Sicherheit, die er für das Bewältigen einiger bergtechnisch schwieriger Passagen ausstrahlte.

Und so haben wir überwältigende Eindrücke vom Fagaras mitgenommen: Die Landschaft der Berge, wie sie sich durch die Almwirtschaft mit Schafen über Jahrhunderte herausgebildet und erhalten hat. Die Wolken, deren Willkür darüber entscheidet, ob man diese Landschaft auch sehen und erleben kann. Die Vielfalt der Pflanzenwelt, mit einigen weltweit nur in den Südkarpaten vorkommenden Pflanzen (Endemiten). Die Täler der reißenden Bergbäche mit zum Teil unzugänglichen und daher noch ungenutzten wilden Fichten- und Buchenwäldern.

Möge es gelingen, diese Landschaft und Natur auch in Zukunft zu bewahren!

Julian, einen herzlichen Dank für diese Tage an Dich. Ohne Deine Führung hätten wir den Respekt vor steilen Bergen und schlechtem Wetter wohl kaum überwunden. Allen, die vorher skeptisch nach der Notwendigkeit eines Bergführers gefragt haben, antworten wir in diesen Tagen: Ja, die Investition hat sich sehr gelohnt.

Ursula und Christoph Linke – August 2011 – fotos